Von der Erinnerung zum Buch
Wer sich erinnert, erfindet sich noch einmal. Er macht sein Leben zur Erzählung. Er sagt wie im Märchen „Es war einmal“ und glaubt, dass es einmal wirklich so war. Aber mein Erinnern fälscht in
die Vergangenheit eine Zukunft. Denn während ich erzähle, wie es war, weiß ich ja schon, wie es weiterging. Ich hätte sonst den Weg nicht genommen, den Umweg nicht gemacht, hätte ich gewusst,
dass ich kurz darauf böse stürzen würde.
Wenn ich mich erinnere, höre ich scheinbar auf weiterzuleben. Das heißt, ich lebe meine
Erinnerungen. Erlebe sie wie einen Roman. Wer erzählt, lässt weg. Hat vergessen. Erfindet. Glaubt
das Erfundene. Glaubt es so lange, bis es wahr wird. Meine frühsten Erinnerungen sind wie in der
Ferne aufzuckende Blitze in pechschwarzer Nacht, bei denen sich für Augenblicke Bilder aus dem
Dunklen formen mit Umrissen, Farben, Bewegungen.
Hellmuth Karasek: Auf der Flucht. Erinnerungen
Ullstein Buchverlage, 2004
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Immer mehr Menschen entschließen sich, ihre Geschichte und die ihrer Familie schriftlich festzuhalten oder aufschreiben zu lassen ‒ gegen das Vergessen, um Erfahrungen und Traditionen an die nächsten Generationen weiterzugeben oder um für sich selbst einen Rückblick zu schaffen. Und immer mehr Menschen der Kinder- und Enkelgeneration möchten mehr über ihre Wurzeln erfahren. Lebensgeschichte(n) in Wort und Bild zu verfassen, kann manchmal mühsam und zeitraubend sein.
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